Historisches

Nationalsozialismus an der TH Charlottenburg

Studis
Unter den Studierenden verfügten die Nazis über großen Rückhalt. Schon 1927 schlossen die Studierenden per Urabstimmung Kommilitonen jüdischer Herkunft aus der Studentenschaft aus. Bei den Wahlen im WS 1930/31 erreichte der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) 61.7% an der Technische Hochschule Charlottenburg (heute TU) und 65% an der Berliner Universität (heute HU). Der NSDStB hatte allein an der TH 366 Mitglieder; heute würden sich Inis über ein Zehntel davon freuen. Zu beachten ist auch die Vorbildfunktion, die so von den Berliner Universitäten ausging; Studenten der heutigen HU waren maßgeblich an den Bücherverbrennungen beteiligt. Die Studierendenschaft ermunterte in einem Beschluss vom April 1933, jüdische, kommunistische, liberale und pazifistische Hochschullehrer zu denunzieren.

NS-Prominenz
Zahlreiche Nazi-Größen nutzten die TH als Bühne für ihre Auftritte:
21.02.1933 Rust, neuer preußischer Kulturminister
29.06.1933 Alfred Rosenberg (NS- und Rassenideologie)
01.07.1933 Göring
1939 Hitler feierte seinen 50. Geburtstag vor dem Hauptgebäude

Profs und AMs
Bereits in den 20er Jahren herrschte eine antisemitische Stimmung. So war im Studiengang für Schiffbauer für den Zugang zu notwendigen Geräten die Mitgliedschaft in einem Verein nötig, der jüdischen Studierenden die Aufnahme verweigert.
Anteil der Hochschullehrer und Assistenten, die Mitglied der NSDAP waren:
1932 37 von 410 9%
1933 82 von 399 20%
1941 mind. 211 von 370 57%

Nur sehr wenige stellten sich den Nazis entgegen: Archäologie-Prof. Kränker, Rektor
von 1930-32, drohte 1933 dem späteren Rektor Ernst Strom mit Verhaftung, als dieser die Hakenkreuz-Fahne hissen wollte. 1939 vereinbarten zahlreiche TH-Professoren nach Gesprächen mit der Militärführung, die Prüfungsanforderungen zu senken, damit die Studenten schneller für Armee und Kriegsindustrie verfügbar wurden. Außerdem wurde die Regelstudienzeit auf sieben Semester verkürzt. Ernst Strom, Rektor der TH 1942: “Die Technische Hochschule Berlin galt schon vor der Machtübernahme als eine Hochburg des Nationalsozialismus unter den deutschen Hochschulen.”

Verfolgung Andersdenkender
1.4.1933: Kunden jüdischer Geschäfte werden abgefangen, jüdische Richter am Betreten der Gerichte gehindert. Auch die Unis machen mit: jüdische Dozenten können ihre Veranstaltungen nicht abhalten, weil studentische Mitglieder der SA ihnen und ihren Studenten den Zutritt zu Hörsälen verweigern.
7.4.1933: “Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums”. “Nichtarier” und politisch unliebsame Beschäftigte wurden aus dem Staatsdienst entlassen. Über 90 Betroffene an der TH, u.a. Georg Schlesinger (weltweit anerkannter Werkzeugmaschinen und Fertigungstechniker), Goetz Briefs (Volkswissenschaftler, hatte Institut für Betriebssoziologie aufgebaut) und Gustav Hertz (Experimentalphysik, Nobelpreisträger 1925).
Am 25.4.1933 wurde für jüdische Studierende ein NC verhängt. Das zugehörige Gesetz trägt den Titel “Gesetz gegen die Überfüllung an deutschen Schulen und Hochschulen”. Sie wurden aus der Hochschule verdrängt, so auch Herbert Baum 1938. 1942 wurden die Mitglieder der Widerstandsgruppe um Herbert Baum verhaftet, 18 von ihnen wurden hingerichtet, die übrigen deportiert. Sie hatten mit fingierten Einbrüchen bei vor der Deportation stehenden Juden für diese gefälschte Pässe finanziert. Die kommunistischen Mitglieder der Gruppe hatten die “Beute” verkauft, was Juden zu diesem Zeitpunkt bereits verboten war. Aufgeflogen war die Gruppe nach einem Anschlag auf die Propaganda-Ausstellung “Das Sowiet-Paradies”.

Kriegsforschung
Karl Cranz hatte schon vor dem ersten Weltkrieg die Militärtechnische Akademie in Berlin geleitet. Dort wurden im Auftrag der Reichswehr und in Zusammenarbeit mit der Industie Waffen geprüft und entwickelt. Nach Ende des Kriegs arbeitete Cranz weiterhin in seinem Ballistik-Labor und wurde Professor der TH Charlottenburg, seine Akademie
als “Laboratorium für technische Physik” getarnt. Sie ging in der “Fakultät für allgemeine Technologie” auf, die bei der endgültigen Kündigung des Versailler Vertrags 1935 in “Wehrtechnische Fakultät” umbenannt wurde und weitere Fachbereiche umfasste, die sich mit Militärtechnik beschäftigten. Dekan war General Karl Becker, der 1922 bei
Cranz promoviert hatte. Noch heute gibt es einen Karl-Cranz-Bau (CR) der TU in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Zoo.

Vergangenheitsbewältigung
Neugründung

Am 9.4.1946 erfolgte die Neugründung der TH durch die Briten, jetzt unter dem Namen “Technische Universität Berlin”. Es wurde die Fakultät 1 gegründet, um den Naturwissenschaftlern und Ingenieuren die ethische Dimension ihres Handelns aufzuzeigen. Die übrigen Fakultäten mussten in der Nummerierung um eins nach hinten rücken [1].

Kein echter Bruch mit der Vergangenheit
1949 wurde der 150. Jahrestag der Gründung der Bauakademie, einer der Vorläuferinstitutionen der TH, gefeiert; zwar nicht mehr wie 25 Jahre zuvor mit Preußischer Fahne, aber ohne die Vergangenheit zur NS-Zeit aufzuarbeiten. So wird davon gesprochen, dass der vertriebene Georg Schlesinger “bis 1934 auf seinem Lehrstuhl wirkte”.
1955 wird Heinrich Hertel erster Ordinarius für Luftfahrzeugbau. Während des Krieges hatte unter anderem als technischer Vorstand für die Junkers-Werke gearbeitet, dem größten deutschen Luftrüstungsunternehmen im 3. Reich. Zudem hatte er den Posten des “Wehrwirtschaftsführers” inne.
1963 wird Wernher von Braun die Ehrendoktorwürde der TU verliehen. Hertel, der von Braun noch von früher kannte, überreicht sie. Mittlerweile wurde er verschämt von der ein oder anderen Liste gestrichen, der Titel wurde aber nicht offiziell entzogen.
1984 versuchte der AStA, das Hauptgebäudes in “Herbert-Baum-Gebäude” umzubenennen. Der Präsident ließ über Nacht Namenszug und Gedenktafel entfernen.
Mit der Wiedervereinigung lief das alliierte Verbot der militärischen Forschung aus. Der Akademische Senat beschließt es 1992 als Selbstverpflichtung, was allerdings Bundeswehr und Waffenindustrie nicht daran hindert, bei Berufs und- Kontaktbörsen an der TU aufzutauchen [2]. Auch ist die TU mittlerweile eine von Drittmitteln abhängige Hochschule, die von der Sicherheits- und Rüstungsforschung profitiert [3], zu nenne sei hier besonders Honorarprofessor Markus C. Kerber.

1 http://www.tu-berlin.de/menue/ueber_die_tu_berlin/geschichte/
2 http://eb104.tu-berlin.de/was-ist-los/aktuelles/bondage.shtml
3 http://asta.tu-berlin.de/referate/offentlichkeit/pressemitteilungen/pm_ruestungsforschung.pdf




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