Interview zu Verbindungen

In der Sommersemesterausgabe 2011 des AStA-Info wurden wir zusammen mit der Kampagne „Studentische Verbingungen auflösen“ um ein Interview zum Thema Vernindungen gebeten. Das Interviw führte das Referat für Gesellschafts- und Kulturktitik des AStA TU Berlin.

1. Wie viele Verbindungen sind in Berlin aktiv und was sind ihre derzeitigen Aktivitäten?

AfA TUB: In Berlin gibt es rund 120 Verbindungen, die meisten davon mit eigenen Häusern. Die Aktivitäten sind in Berlin, im Gegensatz zu anderen Städten wie Marburg oder Heidelberg, sehr begrenzt. Die größten Aktivitäten zeigen sie zu Beginn des Semesters, um neue Mitglieder zu werben. Ansonsten gibt es noch Veranstaltungen in ihren Häusern, mit Titeln wie „Politische Korrektheit. Das Schlachtfeld der Tugendwächter“ oder „Integration und Parallelgesellschaften in Berlin. – Grenzen der Toleranz“. Oft sind die Referenten Bundespolitiker der CDU/CSU oder Redakteure der Jungen Freiheit. Insgesamt geht die Zahl der Aktiven Burschis in Berlin zurück, sodass sich einige Verbindungen ohne Aktivas formell weiterbestehen oder mit anderen fusionieren. So fusionierten beispielsweise 2009 Corps Teutonia, Teutonen Berlin, Corps Rheno- Guestphalia Berlin und Corps Cheruscia Berlin zum neuen Corps Berlin.

St V a: Die Zahl an aktiven Verbindungsstudenten geht generell zurück. Doch man muss im Hinterkopf behalten, dass es die meisten Verbindungstypen bereits seit sehr langer Zeit gibt. Die Rückgänge sprechen also nicht unbedingt dafür, dass sich das Problem bald erledigt haben wird sondern das es gerade eine Schwankung gibt. Wenn man sich den gesellschaftlichen Diskurs – Stichworte Sarrazin, Islam etc.- genauer anschaut, spricht einiges dafür dass die Verbindungen auch wieder Zulauf bekommen könnten. Gerade hier in Berlin, aber auch bundesweit beschäftigen siesich ja mit genau diesen Themen.

2. Gehören die Verbindungen zusammen, oder gibt es da mehrere verschiedene Zusammenschlüsse?
AfA TUB: Es gibt verschiedene Zusammenschlüsse von Verbindungen, die sich voneinander abgrenzen. So nennen sich beispielsweise einige Burschenschaften, die anderen Corps oder Landsmannschaften. Die bedeutendsten Dachverbände sind die Deutsche Burschenschaft (DB) und der Coburger Convent (CC). Die DB besteht aus rund 1300 aktiven Burschen und etwa 10.000 Alten Herren, die sich auf 120 Burschenschaften verteilen. In Berlin gibt es derzeit 7 Burschenschaften, die bekanntesten sind dabei die Gothia und die Märker. Der CC besteht aus ca. 95 Landsmannschaften, zusammen rund 1500 Aktive und über 11.000 Alten Herren.

St V a: Es ist wichtig die Verbindungstypen außeinander halten zu können. Doch man darf auch ihre Gemeinsamkeiten nicht vergessen: Das Lebensbundprinzip, eine meist sehr völkische Einstellung im Bezug auf ihr „Deutschtum“, die streng hierarchisierte und sektenartig organisierte Erziehung der Neumitglieder und nicht zuletzt die Tatsache, dass der absolut überwiegende Teil „Männerbünde“ sind.

3. Gibt es nennenswerte Unterschiede zwischen Burschenschaften und Landsmannschaften?
St V a: Unterschiede gibt es. Zunächst sind die Bünde im CC „Pflichtschlagend“, das bedeutet Neumitglieder müssen vor ihrer Aufnahme eine bestimmte Anzahl Mensuren Fechten. Eine Mensur ist eine Art Duell mit scharfen Waffen, ziel ist es den Gegner am Kopf zu treffen. Obwohl ernste Verletzungen selten sind ist das dennoch bemerkenswert: Die Neuen müssen sprichwörtlich ihren Kopf für die Verbindung hinhalten! Der CC ist mittlerweile auch nicht mehr „unpolitisch“. Er war es noch nie, hat es bis vor kurzem nur immer behauptet. Doch von dieser Linie rückt der Verband nun ab: Im Rahmen unsrer Auseinandersetzung mit dem Dachverband ist auch beim CC eine Debatte in Gang geraten, die so weit geht das der Vorsitzende des Altherrenverbandes nun Bündnisse gegen „Linksextremismus“ fordert. Gleichzeitig hat er aber auch angekündigt, gegen Nazis in den eigenen Reihen besser vorgehen zu wollen. In der Vergangenheit waren solche Ankündigungen meist Lippenbekenntnisse, warten wir’s also mal ab.

AfA TUB: Der Unterschied liegt in der jeweiligen Entstehungszeit der Verbindung. Die Deutsche Burschenschaft beruft sich auf die 1815 in Jena gegründete Urburschenschaft. Die DB ist dabei kein monolithischer Block. In ihr gibt es unterschiedliche Strömungen, z.B. den liberaleren ‚Hambacher Kreis‘ als auch die rechte, reaktionäre ‚Burschenschaftliche Gemeinschaft‘ (BG). Die DB verfolgt seit ihrer Wiedergründung dezidiert politische Ziele, und ist weiterhin völkisch ausgerichtet – getreu ihrem Wahlspruch „Ehre, Freiheit, Vaterland“.

4. Gibt es auch ein jährliches Treffen aller Verbindungsstudenten?
AfA TUB: Solche jährlichen Treffen gibt es, jedoch wieder strikt nach dem jeweiligen Dachverband getrennt. Die DB feiert ihr Wartburgfest in Eisenach in Erinnerung des Wartbugfestes von 1817, beim dem feierlich Bücher verbrannt und dem undeutschem Geist abgeschworen wurde. Insgesamt ein furchteinflößender Anblick wenn mehrere hundert Burschis mit Fackeln und Säbel bewaffnet den Berg entlang marschieren. Für den CC ist der namengebende Coburger- Pfingst-Convent die zentrale Veranstaltung. Aber hier wissen sicherlich die Coburg Profis mehr.

St V a: Der Pfingstkongress ist das größte Treffen von Verbindungsstudenten überhaupt. Coburg verwandelt sich jedes Jahr in ein Meer aus Mützen, Fahnen und Säbeln. Neben einem revisionistischen „Heldengedenken“ gibt es einen Fackelmarsch sowie sehr viele andere Veranstaltungen des CC. Wenn mensch an Pfingsten in Coburg als „alternativ“ aussehender Mensch durch die Straßen schlendert, sind Pöbeleien von Verbindungsstudenten gewiss. Doch es kommen nicht nur Landsmannschafter und Turnerschafter: Auch Burschenschafter sind vereinzelt vor Ort, auch solche mit klar neonazistischer Ausrichtung.

5. Was stehen denn für Gegenaktivitäten zum diesjährigen Pfingsttreffen des Coburger Convent an?
St V a: In den letzten Jahren gab es immer einiges an Widerstand. Letztes Jahr fand eine Demo statt, es gab diverse Kundgebungen sowie Infoveranstaltungen. Wir haben es sogar geschafft, den CC zu einerPodiumsdiskussion zu bewegen. Zwei Sprecher des CC debattierten mit uns und zwei korporationskritischen Wissenschaftlern. Die Sache war unsrer Meinung nach ein voller Erfolg: Es sind seither viele neue Details ans Licht gekommen, der damalige Pressesprecher ist zurückgetreten und der CC debattiert wieder einmal über seine Außenwirkung. Doch solange nach wie vor Überschneidungen mit der äußersten Rechten bestehen, solange die Verbindungsstudenten ihr völkisches, elitäres und sexistisches Weltbild weiterverbreiten, gibt’s für uns Grund genug zum Protest gegen ihr Treffen! Es wird also auch dieses Jahr etwas passieren. Ihr dürft gespannt sein und ab und zu auf unsrem Blog „Coburgerconvent.blogsport.de“ vorbeischauen. Da gibt’s immer die neusten Infos.

Das ganze AStA-Info gibt eshier





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